Warum Höflichkeit nichts mit Papageien zu tun hat

„Sag der Frau tschüss!“; „Sag dem Mann Guten Tag!“; „Sag Danke zu der Frau!“ Ob beim Bäcker, im Supermarkt oder auf dem Spielplatz. Vielerorts höre ich, wie Kinder zu Höflichkeitsfloskeln aufgefordert- teilweise gedrängt werden.

Höflichkeit ist ein Wert, der in unserer Gesellschaft als sehr wichtig gilt. Höflichkeit wird dabei an ganz spezifischen Gesten und Wortäußerungen bemessen und stellt dadurch ein eher subjektives und gesellschaftlich geprägtes Bild dar.

Höflich, so finde ich, ist es auch, wenn wir die Grenzen unseres Gegenübers wahren – die persönliche Integrität.
Nein, es ist nicht nur schlicht höflich, es ist notwendig!
Kinder lernen im Alltag in Begleitung und durch Beobachtung von und mit Erwachsenen und anderen Kindern.

Sie aufzufordern zu einem Menschen etwas bestimmtes zu sagen, um so die Erwartungen des Gegenübers zu erfüllen lehrt ihnen keine wirkliche Höflichkeit, sondern lehrt ihnen das zu tun, was der Erwachsene von ihm verlangt. Selbst dann, wenn dies bedeute über die eigenen Grenzen hinaus zu agieren. Dadurch lernen Kinder nur, dass ihr Gefühl nicht ernstgenommen wird, dass es scheinbar nicht stimmt und sie es übergehen sollen, um den Erwachsenen zu gefallen.

Wie häufig warten Erwachsene sich wie Kaugummi ziehende Minuten, bis das Kind auf die Aufforderung reagiert, also tut, was der Erwachsene ihm vordiktiert: „Sag Danke!“…Kinder, die eine natürliche Skepsis zu Fremden haben und eine angemessene Distanz ihnen gegenüber wahren, werden von ihren Eltern, ihren Bindungspersonen, dazu aufgefordert, diese Grenze zu übergehen, um dem anderen wohlgesonnen zu sein, um als wohlerzogenes und höfliches Kind zu gelten, vor allem aber, damit die Eltern durch das Verhalten des Kindes die Bestätigung ihrer Erziehungsleistung erhalten.

Wir dürfen uns fragen: „Tun wir das wirklich im Sinne des Kindes?“ In diesem Beispiel hieße die Antwort sehr klar „Nein“. Also lassen wir los. Wir können so viel tun, was ebenfalls höflich, jedoch grenzwahrend in solchen Situationen ist:

Wir bedanken uns statt unseres Kindes
Wir bedanken uns bei unserem Kind im Alltag
Wir bedanken uns bei anderen Menschen im Alltag
Wir sagen anderen Menschen „Guten Tag“
Wir sagen unseren Kindern „Guten Tag“
Wir nehmen unsere Kinder mit im Alltag und gehen als Beispiel voran.

Wenn mir Höflichkeit wichtig ist, dann darf ich diese Leben und dadurch eine gewisse Haltung dazu im Alltag einnehmen, die sich auf mein Kind überträgt.

Die gesellschaftlichen Konventionen lernt mein Kind von ganz alleine und ohne erzieherischen Druck von außen. Darauf darf ich vertrauen, denn:

  • Kinder wollen Teil der Gesellschaft sein
  • Kinder wollen kooperieren
  • Kinder wollen Dinge so tun, wie es die Erwachsenen tun
  •  Kinder wollen wachsen und sich in der Gesellschaft zurecht finden

Ein Kind, dessen Grenzen gewahrt bleiben und welches empathisch begleitet wird, wird Grenzen auch bei anderen Menschen erfühlen und diese gerne wahren. Auch dann, wenn eben jenes Kind beim Bäcker mal nicht „Danke“ sagen wollte, als es einen Keks bekam.
Es erhält die Botschaft:

  • deine Gefühle sind ok
  • du darfst deinen Gefühlen trauen
  • Ich begleite dich und bin für dich da

Botschaften, die jedes Kind für eine gesunde Entwicklung braucht und die ihm Vertrauen geben in sich, seine Eltern und in die Welt.

In diesem Sinne bedanke ich mich von Herzen bei euch fürs Lesen und bin gespannt, auf eure Kommentare.

Fabienne

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